14.+15.05.2004

Neuss, Further Hof, Support für die "Schröders"

Haan, Jugendzentrum, Liedermacher-Festival

 

Freitag, 14.05.2004

 

Getrieben von ständiger Angst, zu spät zu einem Auftritt zu kommen, fahre ich immer, wenn ich mit meinem Golf unterwegs bin, ziemlich zeitig los. Es kann ja so viel passieren : Baustelle, Autopanne, Stau, Terror, Umleitung, Verfahren, ....

Diesmal passiert nichts von alldem, ich bin also ca. 3 Stunden zu früh in Neuss. Macht aber nichts, denn die Sonne scheint und man kann im Further Hof auch bequem draußen auf einer Bierbank sitzen und chillen.

Alles, was ich über Neuss weiß, weiß ich von Totte. Der erzählte mir nämlich einst, Neuss sei nicht weit weg von Köln.

Apropos Totte : eigentlich sollte der heute Vorprogramm machen, aber dann wurde das Konzert verlegt und heute, am Nachholtermin, kann er nicht, da bin ich halt eingesprungen. Wir Liedermacher sind eben sehr hilfsbereit.

Ich gehe noch ein bißchen spazieren und entdecke am Eingang einer Seitenstrasse einen ziemlich großen Baum, der mitten in die Strasse ragt. Davor steht ein amtliches Verkehrszeichen, darauf ist zu lesen : "Baum ragt in die Strasse". Hmmm. Es scheint also Neusser/innen zu geben, die zwar lesen, aber nicht gucken können.

Später dann biegen die "Schröders" daselbst mit ihrem großen dunkelblauen Sprinter in die Hauptstrasse ein.

Juhhuuu. Die Schröööödas. Ich freu mich.

Nachdem ich die Schröders begrüßt habe, begrüßen wir daraufhin gemeinsam den Veranstalter, ein netter, gemütlicher Mann, der sich "Titschy" schimpft. So nett er auch ist, er hat Schreckliches zu verkünden. Das Konzert muß wegen der Anwohner um 22 Uhr beendet sein. Das ist ganz, ganz schlecht, denn rechnet man für ein amtliches "Schröders"-Konzert 2 Stunden, heißt das für mich, Beginn um 19.30 Uhr.

Zeitsprung.

Es ist ja noch sooo früh. Es ist 19.34 Uhr und ich fange an. Mein Publikum besteht aus den Schröders, Stulle, dem Merch-Man, Gerd, FOH-Mann, Ortwin, der Mutti, der Tresencrew und, na, ich sag mal so 12-15 Personen zahlendes Volk, die tatsächlich schon da sind. Gegen Ende sind es immerhin schon gut 30 Leute, die mich zu einer Zugabe nötigen und Ortwin signalisiert mir mit wohligem Kopfnicken, dass das zeitlich wohl noch "drin" sei.

Der Rest ist schnell erzählt : die Schröders rocken das Haus enorm, vor inzwischen satten 150 Leuten, und es macht genauso enormen Spaß, zuzuhören. Eigentlich ganz nett, wenn auch ungewöhnlich, um 20 Uhr schon Feierabend zu haben. Für die Schröders ist es nicht minder ungewöhnlich, um 22 Uhr schon Feierabend zu haben.

So legt nach Ende der Livemusik jemand Platten auf, wir stehen am Tresen, trinken und blicken immer wieder ungläubig auf unsere Uhren. Wie bei Temperaturen gibt es ja auch eine gefühlte Uhrzeit, die liegt inzwischen bei 4 Uhr morgens, tatsächlich ist es gerade mal kurz nach elf. Geil.

Zur Krönung bekommen wir von der Küche des Hauses sogar noch jeder ein paniertes Schnitzel mit Pommes und, ich will verflucht sein, das ist ein verdammt gutes Schnitzel.

Der Rest ist Party pur, großes Entertainment und langsam verschwimmendes Wahrnehmungsvermögen.

 

Samstag, 15.05.2004

 

Wir versammeln uns unten im Restaurant zum Frühstück und sehen alle ziemlich scheiße aus. Ich versuche, Stimmung in den Laden zu bringen, indem ich ein paar Witze erzähle, die ich auf der "Wohnraumhelden"-Tour gelernt habe, mit mäßigem Erfolg.

Immerhin, gefühlte und tatsächliche Uhrzeit gehen einher, es ist halb zwölf, die Schröders packen ihre Sachen, es heißt Abschied nehmen, sie lassen mich zurück und ich habe nur 25 km bis Haan und noch 5 Stunden, die es nun allein zu überbrücken gilt. Allein ?

Mit am Frühstückstisch sitzt noch eine Neusserin, die gestern auch im Konzert war. Ich frage sie, ob sie noch bleibt und mit mir noch einen Kaffee trinkt, aber sie entgegnet, sie müsse "jetzt noch zur Post". Zur Post. Schmerzhafter kann eine Abfuhr kaum sein. Zur Post !!!!

Naja, also schaue ich mir Neuss an. Allein. Die Altstadt, das Rathaus. Nicht spektakulär, aber bei McDonald´s gibt es das 60-Sekunden-Versprechen nicht mehr.

Gut, dass es Internet-Cafes gibt. Dort schlage ich weitere 2 Stunden tot, und nun nehme ich mir vor, ganz gemütlich nach Haan zu fahren und dort die restliche Stunde totzuschlagen.

Haan. Ede Wolf aus Sohlingen, ein lieber Kollege aus "Liedermaching", hat im hiesigen Jugendzentrum ein Liedermacherfestival auf die Beine gestellt. Hat dafür irre viel organisiert, Plakate gemacht, dütt und datt geregelt, Presse bequatscht, hin- und her telefoniert, zu essen eingekauft, zu trinken eingekauft und vieles mehr...

Ich gurke ein bißchen durch Haan, trinke irgendwo einen Kaffee und parke schließlich vorm Jugendzentrum ab und höre im Radio Fußball-Bundesliga.

Irgendwann gehe ich dann rein und treffe Ede. Der Weiherer ist auch da, später treffen dann auch Mike Godyla und Arno ein.

Wir richten die Bühne ein, dabei hilft uns Heinz, so ne Art Vorstand des Jugendzentrums hier, der nebenher auch der Technik-heini ist. Es fehlt an nichts, der kleine, nette Saal ist bestuhlt.

Dann sitzen wir irgendwann draußen im Garten und grillen. Ede hat an alles gedacht, nur nicht an Besteck und den Kartoffelsalat. Bierhorst kommt. Mike und Weiherer, die Vegetarier verabschieden sich, um irgendwo eine (vegetarische) Pizza essen zu gehen.

Nun denn, business as usual, die ersten Biere werden geöffnet. Gemeinsam mit Mike und Arno ist auch Jess angereist, derjenige, der das Liedermaching-Radio betreibt, ich erzähle von gestern (Neuss) und dass Hertha BSC sich vor dem Abstieg gerettet hat (aber nur, weil Francis Kioyo von 1860 München einen Elfer verschoss ).

Norman kommt nun auch vorbei.

Das Geprächsthema Nummer 1 bleibt dennoch der heute stattfindende Grand Prix mit Max und seinem öden "Can´t wait until tonight"-Gejammer. Ist das eine Konkurrenz-Veranstaltung für uns oder nicht ? Die Meinungen sind durchaus geteilt... Wir werden sehen.

Und wir sehen : es ist.

Kaum gerade mal 6-8 zahlende Zuschauer verlaufen sich hierher und verteilen sich großzügig auf das massige Angebot an leeren Sitzplätzen.

Dabei stellt die Stadt Remscheid mit einem Löwenanteil von 6 Besuchern die absolute Mehrheit dar. Erfreulich.

Da wir keinen Menschen umsonst zu unseren Konzerten und Festivals anreisen lassen, spielen wir natürlich, für die Remscheider/innen, für die zwei Jungs, die aus Neuss dabei sind und für Norman natürlich auch.

Ärgerlich jedoch ist das Drumherum. Die zwei Mädchen, die die Kasse betreuen, kichern und quatschen die ganze Zeit, und das Pärchen (grrr), das die Tresenschicht schiebt, unterhält sich ebenfalls ohne Punkt und Komma. Besonders bei ruhigeren Songs sehr nervig und störend... Und Heinz kippt sich Bier um Bier rein (an sich in Ordnung), was sich leider sehr negativ auf den Sound auswirkt.

Man kann schon verstehen, dass diejenigen, die heute hier arbeiten, gerne woanders wären, als hier und heute für ein paar Liedermacher und 8 Besucher den Laden am Laufen zu halten, aber etwas mehr Professionalität hätten wir uns dann schon gewünscht.

Dennoch kann man beobachten, dass sich das Publikum gut unterhalten fühlt, trotz der "störenden Einflüsse" von draußen.

Zum Eklat kommt es dann, als ich Norman bitte, doch auch ein bißchen was zu spielen. Er kommt dem gerne nach, was fantastisch beim Publikum und bei uns anderen Liedermachern ankommt, Heinz hingegen platzt der Kragen. Wütend zitiert er Ede zu sich, die beiden gehen raus in den Flur und wir vernehmen lautstarke Diskussionen.

Irgendwann hat mir jemand mal eine Tafel Schokolade geschenkt, die widerlichste Tafel Schokolade, die ich bis dato kannte : es handelt sich um eine Tafel Schokolade "Halbbitter-Caramel mit Haselnuß-Krokant" (kein Witz) der angesehenen Marke "Sarotti", 100 Gramm und vorne steht noch drauf : "Limitierte Edition ! Mohrenmotiv um 1954".

Als ich "limitiert" las, dachte ich erst daran, sie bei Ebay zu versteigern, aber dann nahm ich mir vor, sie irgendwann an einen Menschen zu verschenken, den ich nicht mag.

Heute scheint der große Moment gekommen. Leider habe ich sie nicht dabei, aber heute hätte ich sie Heinz geschenkt.

Erst saufen, schlechten Sound machen und sich dann darüber beschweren, dass wir das Konzert nicht abgesagt hätten, und was wäre das denn für ein Niveau, so eine schlechte Veranstaltung hätte er hier noch nie betreut, usw. usw.

Ich frage mich, wieso er nicht vor Beginn der Veranstaltung, als man absehen konnte, dass sie schlecht besucht sein würde, zu Ede gegangen ist und ihn gebeten hat, das Ganze abzublasen oder so ähnlich... dann nämlich hätte er in Ruhe seine Anlage abbauen können und wir hätten vorne im Foyer für die Zuschauer noch ein kleines "unplugged-Konzert" gegeben oder so, dann wäre doch alles gut gewesen.

Aber erst alles laufen lassen und sich dann am Ende beschweren, dass man überhaupt gespielt hat, neee, neee, Heinz, die Sarotti-Schokolade gebührt Dir.

Um Ede nicht noch mehr in Mißkredit zu bringen, helfen wir am Schluß noch, die Stühle und die Bühne abzubauen, den Grill abzureißen und hinterher sogar noch den Laden auszufegen.

Nichts wie weg hier.

Mike und Arno fahren zurück nach Bonn, der Rest der Posse bestellt sich ein Großraumtaxi und begibt sich zu Ede.

Dort angekommen, trinken wir weiter Bier und hören die neue CD von Totte namens "Einhornhenkst?". Wir hören sie einmal, zweimal, dreimal und biegen uns vor Lachen, weil die CD echt lustig und gut geworden ist.

Viel später zieht es Rüdi heim nach Berlin, er macht sich also wieder auf in die tiefe Nacht zu irgendeinem Bahnhof, um in irgendeinen Zug zu steigen, um nach Hause zu fahren. Jess und der Weiherer legen sich in ein Zelt, das Ede bei sich im Garten aufgebaut hat.

Ede hat sich eigentlich schon vor zwei Stunden gen Bett verabschiedet, schaut aber alle halbe Stunde nochmal rein, mummelt irgendwas und verschwindet wieder irgendwohin. Ich bin schon wieder allein, trinke noch ein letztes Bier und verbringe die Nacht im Halbschlaf in einem Camping-Klappstuhl.

Tjaja, was war denn das ? Erst bei den Schröders in Neuss nahezu ohne Publikum, dann heute in Haan auch ohne Publikum, also unterm Strich ein kommerzielles und finanzielles Desaster, aber ich würde es alles genauso wieder machen, weil auch im Mißerfolg eine Menge Spaß drinsteckt. Und es wird wieder besser besuchte Konzerte geben. Möglicherweise schon am Donnerstag in Meschede. Auf ein Neues....